Rund 11.000 Menschen bei Chemnitzer Protestkundgebungen
Weit mehr als 11.000 Menschen haben am Samstag in der Chemnitzer Innenstadt demonstriert, so die aktuelle Zahl die die Polizei am Sonntagmittag bekannt gegeben hat. Die einen waren gegen die Flüchtlingspolitik, die anderen wollten ein Zeichen gegen Hass setzen. Den Angaben zufolge waren es 8000 Demonstranten bei den Kundgebungen von AfD, Pegida und Pro Chemnitz und rund 3000 bei den Gegenkundgebungen. Die Polizei war mit einem Großaufgebot vor Ort. Insgesamt 2.000 Beamte waren an dem Großeinsatz beteiligt. An den Kreuzungen standen Wasserwerfer und Panzerwagen, berittene Einheiten patrouillierten. Im Großen und Ganzen blieb es friedlich, auch wenn die Stimmung am Abend immer gereizter wurde. Demonstranten beider Lager versuchten, Polizeiabsperrungen zu durchbrechen, wurden aber zurückgedrängt.In einer ersten Bilanz war von neun Verletzten die Rede gewesen. Auch die Zahl der Straftaten stieg von mindestens 25 auf mindestens 37. Darunter waren Fälle von Körperverletzung, Sachbeschädigung und Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz.Man ermittele auch zu einem gemeldeten Angriff einiger Unbekannter auf eine Gruppe des SPD-Politikers Sören Bartol, teilte die Polizei weiter mit. Dieser selbst sei zu diesem Zeitpunkt nicht anwesend gewesen. Der Vize-Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion schrieb selbst über Twitter: „Ich bin entsetzt. Meine Gruppe aus Marburg wurde gerade auf dem Weg zum Bus von Nazis überfallen. Alle SPD Fahnen zerstört und einige wurden sogar körperlich angegriffen.“Unter Protest löste die Polizei die Demo von AfD und Pro Chemnitz vorzeitig auf. Daraufhin weigerten sich mehrere hundert Teilnehmer, zu gehen und hielten noch eine Spontankundgebung am Gedenkort für den bei einer Messerattacke getöteten Chemnitzer ab. Hier die aktuelle Zusammenfassung aus Sicht der Polizei.Sachsens Innenminister dankt friedlichen Demonstranten und PolizeiSachsens Innenminister Roland Wöller (CDU) hat sich nach dem weitgehend störungsfreien Samstag in Chemnitz erleichtert gezeigt. „Ich bin dankbar, dass es gestern im Zusammenhang mit den Demonstrationen und Versammlungen weitgehend friedlich geblieben ist“, sagte er am Sonntag laut einer Mitteilung in Dresden. Er dankte den friedlichen Teilnehmern und den Polizisten für Umsicht, Fingerspitzengefühl und konsequentes Handeln bei schwierigem Einsatz sowie dem Bund und neun Bundesländern für personelle Unterstützung. „Es ist deutlich geworden, dass wir rechten Chaoten und gewaltbereiten Extremisten nicht die Straße überlassen, sondern Recht und Ordnung durchsetzen.“ Es sei zu hoffen, „dass sich dauerhaft Besonnenheit und Toleranz in unserem Land, in Sachsen, aber insgesamt in Deutschland durchsetzen“, sagte Wöller. Demokratie lebe von unterschiedlichen Meinungen und lebhafter Kritik, die frei geäußert würden, „aber auch davon, sich gegenseitig zuzuhören und andere Meinungen zu achten“. Wöller wollte nach Ministeriumsangaben gemeinsam mit Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) am Sonntagnachmittag an einer Kundgebung der evangelischen Kirche Chemnitz teilnehmen.Ermittlungen zu Übergriffen Abseits der Demos wurde laut Polizeimitteilung am Abend im Stadtteil Markersdorf auf der Wolgograder Allee ein 20-jähriger Afghane von vier vermummten Personen angegriffen und geschlagen. Der Mann erlitt leichte Verletzungen. Es wird geprüft, ob es sich bei den Tätern möglicherweise um ehemalige Versammlungsteilnehmer handelt. Die Chemnitzer Polizei ermittelt nach der Anzeige eines MDR-Teams zu einem Vorfall in einer Privatwohnung am Rande der Demonstrationen. Zu Details konnte eine Sprecherin noch nichts sagen. Der Sender selbst sprach von einer „Attacke“ und einem Angriff auf zwei Reporter, wobei einer verletzt wurde. Das Team wollte aus einer Privatwohnung von oben das Versammlungsgeschehen auf der Straße filmen. Nachdem die Bewohner dem Team die Erlaubnis dafür gaben, kam es kurz darauf in der Wohnung zu dem Zwischenfall.Friedenskundgebungen am Sonntag
Unterdessen gibt es am Sonntag mehrere Friedenskundgebungen in der Stadt. Die erste beginnt 14 Uhr auf dem Neumarkt und richtet sich an die Mitte der Gesellschaft. Initiator ist der Chemnitzer Dirk Richter. Gemeinsam mit vielen anderen will er ein demokratisches Zeichen gegen Gewalt und Fremdenhass setzen. Direkt am Anschluss hat die Evangelisch-Lutherische Kirche zu einer Friedenskundgebung auf dem Neumarkt aufgerufen. Dazu werden auch Landesbischof Carsten Rentzing und Ministerpräsident Michael Kretschmer erwartet.