„Wir sind Weltkulturerbe!“ In Herrnhut läuten die Glocken
Herrnhut hat es geschafft. Die Kleinstadt als Teil der Siedlungen der Herrnhuter Brüdergemeine ist Weltkulturerbe. Das Unesco-Komitee hat dem gemeinsamen Antrag mit den Gemeinen in den USA (Bethlehem in Pennsylvania) und Nordirland (Gracehill) zugestimmt. Der Titelgewinn wird morgen Abend in Herrnhut mit einem Bürgerfest gefeiert. Damit hat die Oberlausitz nun nach dem Fürst-Pückler-Park Bad Muskau eine zweite Weltkulturerbestätte. Es ist mit der Montanregion Erzgebirge die dritte in Sachsen.
Herrnhuts Bürgermeister Willem Riecke verfolgte gemeinsam mit rund 50 Herrnhutern die Bekanntgabe der Titelgewinner durch das Unesco-Komitee per Live-Stream. „Die Stimmung war angespannt. Als sozusagen der Hammer fiel, gab es großen Beifall und Sekt.“ Die Kirchenglocken wurden geläutet.
Der Beschluss des Welterbe-Komitees fiel einstimmig. „Heute ist ein besonderer Tag für Herrnhut und die Oberlausitz, auf den viele Menschen hingearbeitet haben“, so der Chef der Sächsischen Staatskanzlei, Conrad Clemens.Er war extra nach Neu-Dehli gereist. Der gemeinsame Antrag mit den USA und Nordirland zeige das weltweite, vielfältige Netzwerk der Herrnhuter.
Die Siedlungen der Brüdergemeine zeichnen eine schlichte, klare Architektur aus mit Fokus auf gemeinsamem Leben, Arbeiten und Glauben, sagte Clemens, der als Sohn eines Pfarrers der evangelischen Freikirche seit Geburt der Herrnhuter Brüdergemeine angehört. „Es ist eine Idee des Zusammenlebens, die auf Weltoffenheit, Gleichberechtigung und fast familiärem Zusammenhalt fußt“, sagte er im Gespräch der Deutschen Presse-Agentur. Der Titel sei „gerade in einer Zeit, wo wir viel Spaltung und Polarisierung erleben, ein schönes Zeichen für Sachsen“.
Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer gratulierte Herrnhut. „Die Menschen, die hinter diesem Erfolg stehen, haben viel erreicht. Der gesamte Freistaat profitiert davon“, so der CDU-Politiker.
Herrnhut, das auch gern „Kleine Stadt von Welt“ genannt wird, ist Ursprung der Evangelischen Gemeinschaft. Protestantische Glaubensflüchtlinge aus Mähren hatten es 1722 gegründet, nachdem Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (1700–1760) ihnen dort zuvor Land für die Ansiedlung in der Oberlausitz zur Verfügung stellte. Am 17. Juni 1722 fällte der Zimmermann Christian David den ersten Baum, um den neuen Ort unter des „Herrn Hut“ zu bauen.
Die Herrnhuter Brüdergemeine ist eine evangelische Freikirche, sie geht auf die im 15. Jahrhundert entstandene Böhmische Brüder-Unität zurück. Der Name leitet sich vom lateinischen „Unitas Fratrum“ ab. Die Brüder lebten als evangelische Minderheit im katholischen Königreich Böhmen, ihr geistlicher Ahnvater, der Reformator Jan Hus, wurde als Ketzer verbrannt.
In Herrnhut gründeten sie dann die Brüdergemeine. Das fehlende „d“ im Namen ist der Sprache dieser Zeit geschuldet, als man noch von Gemeine sprach. Als sich die Brüder-Unität später weltweit ausbreitete, trugen Missionare auch den Bauplan für neue Siedlungen in andere Länder - weltweit sind es mehr als 30.
Ein zentraler Platz mit dem Kirchsaal sowie parallel angelegte Straßen und Häuser im schlichten barocken Stil prägen bis heute das Bild des idyllischen Ortes in der Oberlausitz. Für Sachsen wäre es die dritte gemeinsame Welterbestätte mit einem Nachbarland nach dem Muskauer Park und der Montanregion Erzgebirge.
Auch das Residenzensemble Schwerin samt Schloss auf einer Insel im See ist eine der insgesamt 28 Bewerbungen, über die das Welterbe-Komitee bei der bis zum 31. Juli dauernden Sitzung berät. Bisher gibt es 1199 Kultur- und Naturstätten in 168 Ländern. Deutschland hat bislang 52 Welterbe-Stätten. (kmk/ dpa)